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Betreuungskräfte aus Osteuropa sind in mehr als 300.000 Haushalten eine zentrale Stütze bei der Versorgung von pflegebedürftigen Senioren. Die Corona-Krise führt dabei zu vielen Fragen. Stefan Lux vom Bundesverband häusliche SeniorenBetreuung e.V. (BHSB), kennt die Antworten.

 

Was kann ich tun, um das Infektionsrisiko für den Senior so gering wie möglich zu halten?

Stefan Lux: Wenn der Senior und die Betreuungskraft gemeinsam in der Wohnung leben und Kontakte nach außen weitestgehend vermeiden, ist das Infektionsrisiko minimiert. Wenn möglich, sollten Angehörige Einkäufe und andere unvermeidliche Besorgungen übernehmen und kontaktlos vor der Tür abstellen. Spaziergänge der Betreuungskraft mit dem Senior sind natürlich möglich und aus gesundheitlichen Gründen auch empfehlenswert.

Müssen die Betreuungskräfte jetzt wieder in ihr Heimatland zurück reisen?

Stefan Lux: Nein, Betreuungskräfte die sich legal im Land aufhalten, dürfen weiter hier arbeiten und müssen nicht ausreisen.

Werden die Kräfte jetzt weiterhin regelmäßig ausgetauscht?

Stefan Lux: Diese Wechsel sollten vermieden werden, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Das Ziel sollte sein, dass die derzeitige Kraft weiter in dem jeweiligen Haushalt bleibt. Daran haben sowohl die Agenturen als auch viele Betreuungskräfte selbst ein Interesse. Man sollte das weitere Vorgehen mit der Betreuungskraft und der Agentur besprechen.

Was ist, wenn die Betreuungskraft abreisen möchte?

Stefan Lux: Tatsächlich machen wir momentan die Erfahrung, dass die meisten Betreuungskräfte derzeit lieber in Deutschland bleiben möchten. Viele wollen nämlich die meist vorgeschriebene 14-tägige Quarantäne in ihrem Heimatland vermeiden. Außerdem ist natürlich die medizinische Versorgung in Deutschland häufig besser als in den Herkunftsländern.

Wenn die Betreuungskraft unbedingt in ihr Heimatland zurückkehren möchte, kann sie niemand daran hindern. In diesem Fall sollte man gemeinsam mit der Agentur und der Betreuungskraft nach einer Lösung suchen.

Problematischer als bei den legalen Kräften ist die Situation auf dem Schwarzmarkt, der den allergrößten Teil der Betreuungsverhältnisse ausmacht. Hier erleben wir zum Teil dramatische Szenen. In besonders krassen Einzelfällen verschwinden solche Kräfte kommentarlos und lassen den Senior hilflos zurück oder sie erpressen die Familie und fordern horrende Summen für die weitere Betreuung.

In den allermeisten Fällen liegt das Hauptproblem jedoch woanders. Die Kräfte wären eigentlich bereit, zu bleiben. Sie haben aber Angst, weil sie illegal hier arbeiten. Die meisten sind nicht krankenversichert und befürchten, dass sie bei einer eventuellen Erkrankung auf hohen Arztrechnungen sitzen bleiben. Viele denken auch, dass sie in absehbarer Zeit vielleicht überhaupt nicht mehr zurück nach Hause reisen dürfen.

Wenn die Familie eine solche Betreuungskraft weiter beschäftigen möchte, kann sie versuchen, sich an eine seriöse (!) Agentur zu wenden, um zu prüfen, ob man das Beschäftigungsverhältnis legalisieren kann. Dann bekommt die Kraft eine Krankenversicherung und kann weiter hier bleiben. Ob dies wirklich möglich ist, muss man aber immer im Einzelfall sehen.

Gibt es überhaupt noch neue Kräfte, die nach Deutschland einreisen können?

Stefan Lux: Bislang dürfen Betreuungskräfte weiter legal nach Deutschland einreisen.Das Problem ist jedoch, dass man nicht weiß, inwieweit diese Person möglicherweise infiziert ist. Um sicher zu gehen, müsste man die Betreuungskraft nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst einmal 14 Tage unter Quarantäne stellen.Das ist aber ein praktisches Problem, denn wo soll die Kraft in dieser Zeit wohnen? Nur wenige Familien werden dafür Platz haben. Wer eine neue Kraft einsetzen möchte, muss dieses Risiko also in den allermeisten Fällen akzeptieren.

Nehmen die Agenturen überhaupt noch Neukunden an?

Stefan Lux: Es gibt nach wie vor Agenturen, die neue Kunden annehmen, allerdings ist das nicht mehr überall so. Bei vielen Anbietern ist derzeit alles eingefroren und es werden nur noch die Bestandskunden betreut. Man muss also herumtelefonieren, welche Möglichkeiten man vor Ort noch hat. Gerade in der Krise ist es aber wichtig, dass es sich wirklich um eine seriöse Agentur handelt. Deshalb sollte man darauf achten, dass die Agentur Mitglied in einem der beiden großen Verbände ist, und zwar entweder im Bundesverband häusliche SeniorenBetreuung e.V. (BHSB) oder im Verband für häusliche Pflege und Betreuung e.V. (VHBP).

Was mache ich, wenn meine Betreuungskraft weg ist?

Stefan Lux: Erster Ansprechpartner ist natürlich die bisherige Agentur, die alles tun wird, um einen Ersatz zu organisieren. Geht dort gar nichts mehr, sollte man zunächst versuchen, über eine andere Agentur noch jemanden zu bekommen. Allerdings nehmen derzeit nicht alle Agenturen noch Neukunden an.

Findet man absolut keine Ersatzkraft, empfehle ich, zunächst die örtlichen Pflegedienste abzutelefonieren, ob diese den Senior zumindest teilweise versorgen können. Wer sowieso schon einen Pflegedienst hat, sollte natürlich zuerst hier nachfragen, ob dieser Dienst zusätzliche Leistungen erbringen kann.

Auch wenn ein Pflegedienst einspringt, wird allerdings vielfach eine Betreuungslücke bleiben, denn rein zeitlich kann kein Pflegedienst sich so umfassend den Senior kümmern wie eine private Betreuungskraft. Leider müssen die Familien diese Lücke privat füllen. Was möglich ist, hängt in erster Linie von der individuellen Situation ab. Es ist natürlich ein Unterschied, ob die Angehörigen um die Ecke wohnen oder 500 Kilometer entfernt. Unter Umständen muss der Senior zumindest vorübergehend in einem Pflegeheim untergebracht werden.

Quelle: senioren-ratgeber.de von Silke Becker (27.03.2020)